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15.05.2020

Herausforderung mobilisiert Kräfte

In der stationären Jugendhilfe sind Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren eine besondere Herausforderung. Mitarbeitende, Jugendliche und Eltern im Berufsbildungswerk BBW in Rummelsberg meistern sie bisher mit Kreativität und gemeinsamer Anstrengung

Rummelsberg - „Zu Beginn des Lock-Downs wegen der Corona-Pandamie lief alles recht chaotisch“, erzählt Piroska Reiß, Teamverbundleiterin der heilpädagogischen Wohngruppen im Berufsbildungswerk BBW der Rummelsberger Diakonie. Hygiene- und Schutzmaßnahmen umzusetzen und einzuhalten sei für Mitarbeitende und Jugendliche eine große Herausforderung gewesen. „Wir mussten viel mit Kolleginnen und Kollegen aus Hauswirtschaft und den anderen Wohnbereichen sprechen, mussten planen und wieder um planen, aber zum Glück haben alle gut mitgemacht“, so Reiß.

Im BBW in Rummelsberg werden rund 250 junge Menschen betreut, beschult und ausgebildet. Angeboten werden über 30 verschiedene Ausbildungsberufe, in den Bereichen Elektrotechnik, Ernährung und Hauswirtschaft, Gartenbau und Handwerk, Gesundheit und Soziales, Informationstechnologie, Medien und Kommunikation, Metalltechnik, Wirtschaft und Verwaltung. In den vier heilpädagogischen Wohngruppen im BBW leben aktuell 35 junge Frauen und Männer im Alter von 16 bis 21 Jahren, die Probleme in ihrer Familie haben, sozial auffällig sind oder mit erheblichen und nicht nur vorübergehenden sozialen Problemen sowie traumatischen Erlebnissen zu kämpfen haben. Ziel der pädagogisch-therapeutischen Unterstützung ist die Entwicklung sozialer und beruflicher Kompetenzen der jungen Menschen sowie die individuelle Förderung und Unterstützung im lebenspraktischen Bereich.

Auch für die jungen Erwachsenen im BBW gelten in Corona-Zeiten Ausnahme-Regelungen. Da in einer Wohngruppe viele Menschen mit jeweils eigenen Kontakten zusammenleben, besteht in den Wohngruppen beispielsweise überall Maskenpflicht, außer im eigenen Zimmer. „Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt. Aber die ersten Wochen waren schwer. Oft hatten wir zu wenig Masken und einige verweigerten das Tragen beharrlich“, berichtet Moritz Grothusen, Berufspraktikant und Diakon in Ausbildung. „Als die Jugendlichen sahen, dass auch wir Mitarbeitenden und alle anderen im Haus Masken tragen müssen, haben sich letztlich doch alle in ihr Schicksal gefügt“, schmunzelt der 23-Jährige. Überhaupt sei die Stimmung in den Wohngruppen erstaunlich gut. „Die Jugendlichen nutzen ihre Fähigkeiten oft positiv, einige haben begonnen Masken zu nähen, andere geben Nachhilfe für Mitschülerinnen oder Mitschüler“, berichtet der angehende Erzieher.

„Auch die Eltern haben in diesen Wochen erstaunliche Energie, Anteilnahme und Präsenz gezeigt“, sagt Teamleiterin Reiß. In den ersten Wochen waren viele junge Erwachsene bei ihren Eltern. Das sei erfreulich gut gelaufen, fast alle hätten den Familienkontakt genossen. Da sich die jungen Menschen jedoch in einer vom Jugendamt eingeleiteten Maßnahme befinden, mussten sie bald in die Wohngruppe zurück und durften ihre Familien auch nicht mehr besuchen. „Einige Mütter haben dann ebenfalls Masken genäht oder mit leckeren Carepaketen für gute Stimmung bei uns gesorgt“, freut sich Reiß. Die meisten Eltern riefen seither viel regelmäßiger bei ihren Kindern an.

Seit dem 24. April sind alle jungen Frauen und Männer der heilpädagogischen Wohnangebote wieder im BBW. „Jetzt freuen sich natürlich alle, dass Besuche wieder erlaubt sind“, berichtet Grothusen. Allerdings müssen Schutz- und Hygienemaßnahmen in den Familien gesichert sein, ehe die Kinder wieder heim dürfen. „Da müssen wir mit einigen Familien erst noch Lösungen finden“, so Reiß.

Für die Fachkräfte ist der sich ständig ändernde Regelkatalog die größte Herausforderung der Corona-Krise. „Besonders, da es oft lange dauert, bis wir vom Ministerium Informationen bekommen, was die neuen Regelungen für uns bedeuten“, berichtet Teamleiterin Reiß. Moritz Grothusen beschreibt die Gruppen-Situation so: „Mit den Jugendlichen spreche ich seither häufiger als zuvor über eigene Bedürfnisse, die Rechte der anderen und was die neuen Regeln für den Einzelnen und die Gruppe bedeuten.“ Unüberwindbare Konflikte habe es im BBW keine gegeben, es sei allerdings wichtiger denn je gewesen, das Selbstwertgefühl der jungen Menschen zu stärken und ihnen zu vermitteln, dass die getroffenen Maßnahmen der Pandemie geschuldet seien und nichts mit ihnen als Person zu tun hätten.

Beide Pädagogen sind überrascht, wie gut alle die Krise bisher gemeistert haben und wünschen sich, dass die positiven Effekte im langsam wieder einkehrenden Alltag nicht verloren gehen. „Sowohl mit den Eltern als auch mit den anderen Bereichen im BBW haben wir vielmehr Austausch als zuvor. Es wäre toll, wenn wir das beibehalten können,“ wünscht sich Reiß.

Von: Stefanie Dörr

Mit Engagement, Einsatz und Reden lässt sich vieles meistern: Moritz Grothusen (links) und Piroska Reiß freuen sich über die gute Stimmung im Team und bei den Jugendlichen trotz Corona-Krise. Und darüber, dass sie draußen, bei ausreichend Abstand, die Masken mal kurz ablegen können. Foto: Stefanie Dörr