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30.11.2018

Manches ähnlich und vieles ganz anders

Bei einem Vortrag im Rummelsberger Besucherzentrum informierten Rainer Neusser und Fawaz Khedr Ilyas über den yesidischen Glauben

Bemalte Eier im Frühling, ein Ritual ähnlich unserer Taufe und die Erzengel Gabriel und Michael: Diese Anteile am Glauben der Yesiden kommen Christen vertraut vor. Andere Aspekte dieser monotheistischen Religion ohne ein Heiliges Buch sind aber ganz anders.

Bei einem gute besuchten Vortrag im Rummelsberger Besucherzentrum informierten Rainer Neusser aus Fürth und Fawaz Khedr Ilyas vom Ezidischen Kulturverein Nürnberg über die yesidische Religion. Dabei gingen Sie auf Ähnlichkeiten aber auch Unterschiede ein:

Alte mündlich überlieferte Religion

Das Alter dieser Religionsgemeinschaft mit persischen Wurzeln lässt sich schwer erfassen, weil es nur mündlich in Liedern überlieferte Glaubensinhalte gibt. Weil ihr Glauben aber nicht in einem Buch niedergeschrieben ist, wird das den Yesiden immer wieder als Unglauben ausgelegt. Scheich Adi (gestorben 1162) gilt als die zentrale historische Figur und Reformer des Yesidentums. Das religiöse Zentrum ist Lalish in den kurdischen Bergen im Nordirak – es markiert den Beginn der Schöpfung. Nach yesidischem Glauben erschuf Gott die Erde und lässt sie nun von den sieben Erzengeln verwalten, an deren Spitze Tausi Melek steht, der als Engel und Pfau dargestellt wird.

Für die Yesiden gibt es keine Hölle, sondern eine Wiedergeburt und Seelenwanderung. Dabei begegnen ihnen die  sieben Erzengel manchmal in menschlicher Gestalt. Und sie beten dreimal am Tag zu Gott, aber individuell und ohne Verpflichtung.

Befremdlich wirkt für Europäer das dreigliedrige Kastensystem mit einem Heiratsverbot zwischen den Gruppen. Dabei stellen die Miriden (Laien) etwa 80 Prozent alle Yesiden und die Scheichs mit etwa 15 Prozent, gegliedert in drei Gruppen, die zweite. Die Piren mit ihren vier Gruppen sind mit dem Priesterstand im alten Israel vergleichbar. Ein Übertritt von einer Kaste in die andere ist nicht möglich.

Der religiöse Jahreszyklus beginnt mit dem Neujahrsfest im April mit bemalten Eiern. Zwischen 6 und 10. Oktober feiert man in Lalish beim Fest der Zusammenkunft die Versammlung der sieben Erzengel, die im nächsten Jahr die Geschicke der Welt bestimmen. Beendet werden die drei Hauptereignisse Mitte Dezember nahe an der Wintersonnwende nach Fastentagen mit dem Lichterfest und der Bitte um die Rückkehr der Sonne.

Welche Zukunft haben die Yesiden?

Der Knackpunkt der langen yesidischen Geschichte ist der August 2014, als die Terrormiliz „Islamischer Staat“ Teile ihrer Wohngebiete in den Bergen Nordiraks stürmte. Es begann mit einem Massenmord an den männlichen Yesiden und Kinder und Frauen wurden verschleppt. Leider hat die sunnitisch-arabische Bevölkerung diesen Genozid teilweise unterstützt und damit ein jahrhundertelanges Zusammenleben beendet. Das Ereignis bewirkte eine Massenflucht der Bedrohten in kurdische Gebiete oder ins Ausland.

Aktuell befinden noch etwa 300.000 Yesiden in den Flüchtlingslagern im Nordirak. Das westliche Siedlungsgebiet um Sinjar / Shingal ist nach der Vertreibung des „IS“ Spielball verschiedener kurdischer und irakischer Milizen und liegt nach wie vor in Trümmern. Eine Zukunft dort wird es nur geben, wenn bald der Wiederaufbau beginnt. Dabei ist der Irak kein armes Land. Entscheidend wird, laut Rainer Neusser und Fawaz Khedr Ilyas, sein, wie die Mehrheit der sunnitischen Iraker mit den religiösen Minderheiten (Yesiden, Christen, Schiiten) umgeht und ihnen gleichwertige Lebensmöglichkeiten zugesteht oder nicht.

Die dritte Einwanderungswelle in 70 Jahren

Deutschland  bildet bei den weltweit  etwa 1 Millionen Yesiden inzwischen das drittgrößte Wohnland, direkt nach den irakischen oder syrischen Heimatgebieten. Zuerst in den 1960er Jahren kamen sie als Gastarbeiter aus der Türkei nach den ersten Kurdenverfolgungen. Weitere Gruppen folgten nach 1989 und 2003 und schließlich der große Exodus nach dem IS-Massaker von 2014. Inzwischen leben im Raum Nürnberg schon etwa 1.000 Yesiden, davon etwa 25 in Schwarzenbruck.

Am Schluss des informativen Vortrags dankte der Organisator Walter Stadelmann, Flüchtlingsbegleiter in Rummelsberg, den Referenten vom Nürnberger Begegnungsforum „Die Brücke“ mit einem kleinen Geschenk.

Von: Diakon Walter Stadelman