Menschen an Ihrer Seite.

Die Rummelsberger

10.08.2018

Nachruf auf Pfarrer Dr. h.c. Karl Heinz Neukamm: „Bewährtes behalten und Neues gestalten“

Der ehemalige Rummelsberger Rektor und Präsident des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist am 7. August 2018 verstorben.

Nürnberg/ Rummelsberg – Pfarrer Dr. h.c. Karl Heinz Neukamm, der ehemalige bayerische Landesjugendpfarrer, Rummelsberger Rektor und Präsident des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ist am Abend des 7. August 2018 in Nürnberg im Alter von 89 Jahren verstorben. In verschiedenen kirchlichen Spitzenämtern hat der bayerische Pfarrer die evangelische Sozialarbeit und das Verhältnis von Kirche und Diakonie maßgeblich geprägt.

Karl Heinz Neukamm wurde am 19. April 1929 im oberfränkischen Pegnitz geboren. Theologie studierte er 1947 bis 1951 in Erlangen und Göttingen. Sein Vikariat führte ihn 1951 nach Traunstein, wo er die Dekanstochter Irmgard Kelber kennenlernte, die er 1956 heiratete. Seine erste Pfarrstelle als Gemeindepfarrer war 1956 bis 1960 im mittelfränkischen Beerbach. Irmgard Kelber folgte ihm als Pfarrfrau. Vier Söhne und drei Töchter wurden den beiden im Laufe der Beerbacher und dann der Nürnberger Jahre geschenkt: Martin 1957 (heute Diakon und Leiter der Rummelsberger Brüderschaft), Johannes 1958, Anna-Dorothea 1960, Klaus 1961, Elisabeth 1963, Ulrike 1965 und Stephan 1968.

1960 kam Karl Heinz Neukamm als Pfarrer ins evangelische Jugendwerk nach Nürnberg. 1962 wurde er zum Landesjugendpfarrer der bayerischen Landeskirche berufen. 1966 wählte der Verwaltungsausschuss der „Rummelsberger Anstalten“ den damals 37-jährigen Landesjugendpfarrer zum neuen Rektor. 1967 bis 1984 war Neukamm Rektor der Rummelsberger Brüderschaft und Vorsitzender der Rummelsberger Anstalten der Inneren Mission, seit 1975 auch bayerischer Diakoniepräsident.

In diese Zeit der 68er- und frühen 70er-Jahre fielen ein intensiver Ausbau und eine grundlegende Reform des Sozialstaates. Neue Methoden und wissenschaftliche Ansätze in der sozialen Arbeit, bis dahin nicht gekannte wirtschaftliche Spielräume für den Sozial- und Bildungsbereich, ein verändertes politisches Bewusstsein und ein kritischer Zeitgeist beflügelten viele Zeitgenossen, auch den entschlossen zupackenden neuen Rektor. Seine Initiativkraft und sein Kampf für bessere Lebensverhältnisse für die anvertrauten Menschen hatten wesentlichen Anteil an diesem Umbruch.

Neue Einrichtungen in Rummelsberg

In der Rummelsberger Diakonie entstanden unter anderem das Rummelsberger Krankenhaus, das Berufsbildungswerk, das Jugendhilfezentrum und die Gemeindeakademie bzw. das Tagungszentrum sowie das große Zentrum für Menschen mit Behinderung am Auhof und etliche andere neue oder erneuerte Einrichtungen. Unvergessen ist Neukamms Einsatz für den Aufbau der Partnereinrichtungen in Tansania, das Rehabilitationszentrum Usa River am Fuße des Mount Meru und die Brüderschaft Faraja in der Region Kilimandscharo.

Auch in der Brüderschaft gelangen in dieser Zeit Öffnungen, zum Teil gegen den hinhaltenden Widerstand des Rektors, der um die traditionelle christliche Prägung der Arbeit fürchtete. Kritisch stand Neukamm zunächst dem Entstehen der Diakoninnengemeinschaft Rummelsberg gegenüber, bevor er ab 1980 schließlich diesen Weg akzeptierte und der Aufnahme von Frauen in die Ausbildung sowie der Gründung der Diakoninnengemeinschaft 1982 in der Brüderschaft und in der Synode den Weg ebnete.

Neben seinem eigentlichen Arbeitsfeld war Neukamm als Landessynodaler und zeitweise auch als Vizepräsident der Landessynode tätig. Er war als Mitglied der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) aktiv an den Entwicklungen seiner Kirche auf bayerischer und deutscher Ebene beteiligt. 1984 wurde Karl Heinz Neukamm zum deutschen Diakoniepräsidenten nach Stuttgart berufen. Bis 1994 stand er an der Spitze der Diakonie in Deutschland. In dieser Funktion setzte er sich mit großem persönlichem Engagement für die Einführung der Pflegeversicherung ein, die 1993 Wirklichkeit wurde.

Ehrendoktorwürde und Verdienstkreuz

1979 erhielt er die Staatsmedaille für soziale Verdienste. 1991 wurde Neukamm die Theologische Ehrendoktorwürde der Ev.-Luth. Theologischen Akademie Budapest, 1995 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Nach seinem aktiven Dienst war er 1995 bis 2000 Beauftragter des Rates der EKD für Spätaussiedler und Heimatvertriebene.

In Stuttgart verstarb am 31. Juli 1993 seine Frau Irmgard. Im Ruhestand lebte Neukamm in Nürnberg. Zunächst in Reichelsdorf und dann in einer Wohnung beim Stift St. Lorenz. Von dort nahm er regen Anteil am Geschehen in Gesellschaft und Kirche und am Leben der Rummelsberger Diakonie, ohne sich je einzumischen. Durch den Brüderschaftsrat wurde der ehemalige Rektor 2013 zusammen mit dem ehemaligen Brüderpfarrer Guth zum Rummelsberger Bruder berufen, eine ihm bis zuletzt wichtige Auszeichnung.

Pfarrer Neukamm war ein konservativer Reformer. Er wollte „Bewährtes behalten und Neues gestalten“. Er stellte sich den Auseinandersetzungen der Zeit und tat, was an Neuem zu tun war, sein eigentliches Anliegen war es aber, das Erbe der Inneren Mission, das biblische Christuszeugnis, das lutherische Bekenntnis, das brüderschaftliche Leben und die bewährten Formen des Glaubens zu bewahren. Dabei war es ihm wichtig, dass der Glaube nicht eine reine Herzensangelegenheit blieb, sondern Gestalt annahm, Hände und Füße bekam: Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat.

Der Trauergottesdienst findet am 14.08.2018, ab 14 Uhr, in der Philippuskirche Rummelsberg statt.

 

Von: Dr. Günter Breitenbach

Pfarrer Dr. h.c. Karl Heinz Neukamm nahm auch im Ruhestand am Leben und Wirken der Rummelsberger Diakonie regen Anteil, ohne sich je einzumischen. Foto: Rummelsberger Diakonie/ Archiv