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17.11.2020

„Barrieren erleben wir alle gleich“

Christoph Karwath-Päge berichtet, wie Menschen mit Autismus mit der Corona-Pandemie kämpfen.

Hersbruck – Am 3. Dezember ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen. Christoph Karwath-Päge (55) arbeitet in einem speziellen Wohnangebot für Menschen mit Autismus der Rummelsberger Diakonie im Ortsteil Weiher. Dort leben zwölf Autisten. Der 55-Jährige berichtet, wie Menschen mit Autismus mit der Corona-Pandemie leben. Sein Fazit: „Barrieren erleben wir alle gleich und es ist für uns alle gleich schlimm.“ Im Interview räumt er mit den gängigen Klischees und Vorteilen über Menschen mit Autismus auf.

Herr Karwarth-Päge, viele haben das Bild im Kopf, vom Autisten als Einzelgänger, der nichts und niemanden braucht. Ist das richtig oder falsch?
Christoph Karwath-Päge:
Ganz klar falsch. Bei allen haben wir in den vergangenen Monaten gemerkt, wie sehr den Frauen und Männern der Kontakt zur Familie fehlt. Also haben wir die Technik genutzt. Die Bewohner*innen konnten mit ihren Angehörigen per Videotelefonie kommunizieren. Das hat vielen geholfen. Ein Bewohner, dessen Mutter vor Kurzem gestorben ist, hat sich große Sorgen um seinen Vater gemacht. Ihn am Tablet zu sehen und seine Stimme zu hören, hat ihn beruhigt. Rund 90 Prozent der Autisten, die bei der Rummelsberger Diakonie in speziellen Angeboten gefördert und begleitet werden, können oder wollen sich nicht lautsprachlich äußern.

Also doch Eigenbrötler?
Karwath-Päge:
Keinesfalls. Die Mitarbeitenden üben seit Jahren Methoden der Unterstützten Kommunikation (UK) mit den Bewohner*innen. Diese Methode nehmen die Frauen und Männer sehr gut an und wollen sich auch ausdrücken. Die Autisten sprechen dann z. B. mit Bildtafeln oder per Sprachausgabe im Computer. Das klappt immer besser. Die Technik kann aber das Gespür und die Empathie für die Menschen mit Autismus nicht ersetzen. In der Kommunikation müssen wir uns immer einfühlen und auch interpretieren.

Das klingt so ein bisschen nach Wünschen von den Augen ablesen, was ja dann in der Praxis doch immer sehr schwierig ist.
Karwath-Päge: Während des Corona-Lockdowns habe ich in Hersbruck eine Umfrage mit Autisten gemacht. Wir haben gefragt, wie es ihnen während Corona geht. Autisten sprechen viel mit ihrem Körper. Wenn ich mit einer Frage ein Thema berührt habe, dass sie besorgt oder ärgert, kommt eine körperliche Reaktion. Der Gesichtsausdruck wird verschlossen, die Muskeln verspannen sich. Das sind nur zwei Beispiele. Ich habe dann eine Vermutung, was sie bedrücken oder ärgern könnte. Diese Vermutung prüfe ich dann. Ich zeige Bilder oder frage gezielt weiter. So haben wir auch herausgefunden, dass viele ihre Familie vermissen. Oder dass ihnen im Wohnen die Decke auf den Kopf fällt. Wir haben dann viele Ausflüge in die Natur unternommen und ein Gemüsebeet angelegt.

Autisten brauchen klare Regeln und einen strukturierten Alltag: richtig oder falsch?
Karwath-Päge: Das ist richtig. Aber es heißt nicht, dass sich Menschen mit Autismus nicht auf neue Situationen einstellen können. Wir haben die neuen Regeln erklärt und die Bewohner*innen haben sie akzeptiert. Positiv ist uns in der Corona-Pandemie aufgefallen, dass sehr klar kommuniziert wurde. An den Geschäften hängen Piktogramme, die die Regeln erklären. Das sollten wir weiter so machen. Die Bewohner*innen, die eine Maske tragen können, gehen inzwischen wieder einkaufen. Aber das sind leider nicht alle. Viele können die Maske im Gesicht aufgrund ihrer anderen Wahrnehmung nicht ertragen.

Und zum Schluss kein Vorurteil: Was sollten wir alle aus der Pandemie lernen?
Karwath-Päge: Ich finde, wir sollten in Erinnerung behalten, dass Menschen immer soziale Beziehungen brauchen, egal ob sie autistisch sind oder nicht. Und wir sollten uns klarmachen, dass durch die Corona-Maßnahmen neue Barrieren für unsere Bewohner*innen geschaffen wurden. Wir hoffen, dass während der Pandemie und auch darüber hinaus in der Öffentlichkeit die Bereitschaft wächst, Brücken zu bauen und so Teilhabe zu ermöglichen.  

Von: Das Interview führte Heike Reinhold.

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Diakon Christoph Karwarth-Päge arbeitet in Hersbruck in einem Wohnangebot für Menschen mit Autismus. Foto: Paavo Blåfield