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29.12.2020

„Ein Wunder von Gott“

Im Haus Mutter und Kind in Nürnberg finden schwangere und alleinerziehende Frauen mit ihren Kindern ein Zuhause

Besire Arpaci hat schon an vielen Orten gelebt. Daheim hat sie sich nirgends gefühlt. Dass das heute anders ist, verdankt Sie dem Haus Mutter und Kind in Nürnberg – und der Geburt ihres Sohnes Azad vor 19 Monaten.

„Ich habe 20 Jahre auf ein Baby gewartet. Azad ist mein Wunder von Gott“, sagt die 40-Jährige. Ihr Ehemann, mit dem sie in Stuttgart lebte, gab ihr die Schuld daran, dass sich kein Nachwuchs einstellte, ein Arzt attestierte ihr Unfruchtbarkeit. Es gab viel Streit, der immer häufiger eskalierte und zu Schlägen führte. Zwei Wochen lang lag sie nach einem solchen Streit im Koma – danach war ihr klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie zog zu einer Freundin nach Nürnberg, dann zu ihrer Oma in die Türkei, aus Angst, dass ihr Ehemann sie finden würde. Sie strebte eine Scheidung an. „Ich vertrage das Schlagen einfach nicht“, fasst sie ihre Beweggründe trocken zusammen.

Zu den Eltern konnte sie nicht zurück, als die Scheidung 2015 endlich rechtskräftig wurde. „Sie fanden das mit der Scheidung nicht gut. Meine Familie war zwar in Nürnberg, aber ich bin völlig alleine gewesen. Und in der Türkei wollte ich auch nicht bleiben. Eine Frau kann dort nicht gut alleine leben.“ Männer machten ihr Angst, bis sie Azads Vater kennenlernte. „Er war wie ein Engel“, erinnert sie sich. „Wir haben über alles geredet und er hat mir immer geholfen. Als ich schwanger wurde, habe ich das erst nicht geglaubt.“ Ihm völlig zu vertrauen, das schafft sie bis heute nicht. Er lebt weiterhin in der Türkei, die beiden telefonieren regelmäßig. „Wenn wir eine Wohnung finden, dann kommt er vielleicht auch nach Deutschland.“

Allerdings: In Nürnberg eine Wohnung zu finden ist nicht einfach. Durch Zufall kam Besire Arpaci ins Haus Mutter und Kind: Eine Freundin, die selbst dort gelebt hatte, erzählte ihr davon. Nach einem halben Jahr war eine Wohnung für sie frei, Azad war damals gerade vier Monate alt. Mit dem Baby hatte sie vorher bei ihrer Freundin gelebt – gemeinsam mit deren Mann, den beiden Kindern und der alten Mutter. Jetzt wohnt sie mit Azad in einer eigenen, kleinen Wohnung im Haus Mutter und Kind – ein Zuhause auf Zeit. Insgesamt leben 30 Frauen und ihre Kinder im Haus Mutter und Kind, Männer dürfen nicht mit einziehen.

Der Mietvertrag sei auf fünf Jahre befristet, die meisten Frauen blieben rund drei Jahre, erklärt Daniela Wies, die als Sozialpädagogin im Haus Mutter und Kind arbeitet. „Das Haus Mutter und Kind ist keine Einrichtung der Jugendhilfe. Die Frauen unterschreiben einen Mietvertrag und wir bieten Beratung im Haus an. Das ist ein freiwilliges Angebot.“ Die Schwangeren und alleinerziehenden Mütter erfahren meistens vom Wohnungsamt von dem Angebot. Einige kommen auch aus Frauenhäusern oder aus anderen Einrichtungen. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie kommen aus einer schwierigen Lebenssituation, so wie Besire Arpaci. „Ihre Laufbahn ist typisch. Flucht vor dem Partner, Ausreise aus wirtschaftlich und politisch unsicheren Ländern, Misshandlungen und Arbeitslosigkeit sind nur einige der Notlagen, die die Frauen zu uns bringen. Hier können sie wieder Fuß fassen, sich orientieren, zur Ruhe kommen. Sie können bei uns neue Perspektiven finden“, so Daniela Wies. Viele Frauen haben großen Anleitungsbedarf. Wie zahle ich meine Stromrechnung? Was mache ich, wenn mein Kind nicht durchschläft? Wie trenne ich den Müll richtig? „Wir unterstützen auch bei Anträgen, zum Beispiel für die Erstausstattung für das Kind. Oder wir vermitteln in andere Angebote weiter: Wir können zum Beispiel keine Rechts- und Schuldnerberatung machen, da verweisen wir auf entsprechende Beratungsstellen.“ Außerdem bieten Daniela Wies und ihre Kollegin den Frauen ein Übungsfeld, Bedürfnisse zu äußern und Konflikte angemessen auszutragen und beizulegen.

Gemeinsame Erlebnisse sollen Sicherheit vermitteln und zeigen: Du bist nicht allein. „Im Moment können wir leider nicht viel anbieten, wegen Corona. Gemeinsames Frühstück, Kürbisse schnitzen, Sommerfest: Das musste alles ausfallen.“ Doch durch diese Dinge wird das Haus Mutter und Kind erst wirklich zu einem Zuhause, findet Daniela Wies. Sie hofft, dass nächstes Jahr wieder eine Freizeit stattfinden kann und dass die Frauen wieder mehr Kontakt untereinander haben können. Das Ziel all dieser Angebote: Die Frauen können durch die nahe Unterstützung im Haus alles lernen, was sie für ihr Leben brauchen. „Wenn sie dann umziehen, dann sollen die Grundpfeiler ihres Lebens sicher betoniert sein. Sie sollen wissen, was sie wollen“, wünscht sich Daniela Wies.

Besire Arpaci nimmt die Unterstützung von Da-niela Wies gerne an. Sie ist sehr dankbar für das Zuhause auf Zeit, das sie im Haus Mutter und Kind gefunden hat. „Das ist meine Heimat geworden. Jeden Tag bin ich dankbar: Ich habe zu essen, ein Dach über dem Kopf, mein Kind. Ich bin glücklich. Und ich weiß, dass ich jetzt auf einem guten Weg bin. Ich kann bald auf eigenen Füßen stehen.“

Von: Diakonin Arnica Mühlendyck

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Besire Arpaci und Azad haben im Haus Mutter und Kind eine Heimat auf Zeit gefunden. Daniela Wies berät und unterstützt die Frauen – während Corona mit Maske und hinter eine Plexiglasscheiben.