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28.09.2018

„Merken Sie was?“

Ausstellung „Feldlazarett und Wanderkino“ in Rummelsberg eröffnet – Festredner ziehen Parallelen von der Weimarer Republik zur heutigen Situation in Deutschland

Rummelsberg – Die neue Ausstellung „Feldlazarett und Wanderkino. Die Innere Mission in Bayern zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik“ im Diakoniemuseum Rummelsberg ist ab sofort für Besucherinnen und Besucher geöffnet. Die Eröffnung am 25. September in der Philippuskirche bot nicht nur einen Blick in die Vergangenheit, sondern auch in die Gegenwart: Geradezu erschreckende Parallelen schienen in den Beiträgen der Festredner auf zwischen der späten Weimarer Republik und der heutigen Bundesrepublik. „Wirre Ideologien“ hätten damals zunehmend Verbreitung gefunden, sagte Museumsleiter Dr. Thomas Greif. Auch der „Glaube an die Heilsversprechen“ rechter Scharfmacher sei verstärkt zu beobachten gewesen. „Merken Sie was?“, fragte Greif in die Runde und verband mit seiner rhetorischen Frage den Appell, heute wachsamer zu sein als vor gut 100 Jahren.

Thematisch befasst sich „Feldlazarett und Wanderkino“ schwerpunktmäßig mit der Entwicklung des Sozialstaats als Folge der unfassbaren Not im Land nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. Es war die Zeit, in der sich das duale System aus öffentlicher und freier Wohlfahrtspflege entwickelte, wie Dr. Günter Breitenbach, Vorstandsvorsitzender der Rummelsberger Diakonie e.V., in seiner Begrüßung sagte. Breitenbach sparte auch die Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht aus. „Die Brüder sind damals mit Hurra in den Krieg gezogen“, so Breitenbach.

Ein Teil der Ausstellung widmet sich der Kriegspropaganda in Form von Postkarten und Plakaten, die auch von kirchlichen Stellen verbreitet wurden. Erstmals beteiligten sich an dieser Schau acht diakonische Träger aus ganz Bayern: das Gemeinschafts-Diakonissenmutterhaus Hensoltshöhe (Gunzenhausen), die Diakonie Neuendettelsau, die Christliche Arbeitsgemeinschaft Nürnberg, die Diakonie-Gemeinschaft Puschendorf e.V., das Diakonische Werk Bayern, die Evangelische Diakonissenanstalt Augsburg, Herzogsägmühle – Diakonie in Oberbayern und die Stadtmission Nürnberg. Ihnen allen dankte Breitenbach ebenso wie den übrigen Macherinnen und Machern der Ausstellung sowie den Sponsoren und Förderern.

Erster Weltkrieg bis Börsencrash

Zeitlich spannt die Ausstellung den Bogen vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 bis zum New Yorker Börsencrash 1929, der den Taumel der Weimarer Republik einläutete. In diesen 15 Jahren bayerischer (Diakonie-)Geschichte sei unglaublich viel passiert, so Greif. „Zwischen der Fürsorge für geistig behinderte Menschen in Heimen und ihrer Ermordung in den Gaskammern der Nationalsozialisten liegen gerade einmal 16 Jahre“, gab der Historiker zu bedenken.

Einen Überblick über die Entwicklung des deutschen Protestantismus im frühen 20. Jahrhundert gab Festredner Prof. Dr. Manfred Gailus aus Berlin. Er zeichnete ein differenziertes Bild der evangelischen Kirche, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine große Nähe zur Politik suchte. „Sie ließ sich ganz nah an den Thronen und Palästen nieder, nicht bei den Hütten, den Werkstätten und den Fabriken.“ Zu Kriegsbeginn habe dann eine regelrechte „religiöse Hochstimmung“ geherrscht, manch ein Geistlicher habe gar von einem „heiligen Krieg“ gesprochen. Der Ernüchterung in Folge der Kriegsniederlage folgte eine zunehmend nationalistische Ausrichtung führender Kirchenvertreter. „An Führererwartung fehlte es nicht“, fasste Gailus zusammen. Worin diese allgemein aufgeheizte Stimmung gipfelte, ist bekannt: 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler und begann, das Terror-Regime der Nationalsozialisten auszubauen.

Den musikalischen Rahmen für die Eröffnung bot die Uraufführung von vier Friedensliedern des Komponisten Robert Jones aus Wales. Organist Maciej Bator aus dem polnischen Swidnica (Schweidnitz) interpretierte das eigens für diesen Anlass in Auftrag gegebene Werk Jones‘. Im Anschluss an den festlichen Teil in der Philippuskirche hatten die Gäste Gelegenheit, sich im Besucherzentrum zu stärken und einen ersten Gang durch die Ausstellung im Diakoniemuseum zu machen. Sie ist bis 19.07.2020 zu sehen jeweils dienstags, donnerstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr sowie jederzeit nach Vereinbarung. Informationen unter www.diakoniemuseum.de

Von: Andrea Wismath

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Prof. Dr. Manfred Gailus aus Berlin sprach über „Der deutsche Protestantismus im frühen 20. Jahrhundert“. Museumsleiter Dr. Thomas Greif führte beim Presserundgang am Freitag vergangener Woche durch die neue Ausstellung „Feldlazarett und Wanderkino. Die Innere Mission in Bayern zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik“. Der „Glaube an die Heilsversprechen“ rechter Scharfmacher war gegen Ende der Weimarer Republik verstärkt zu beobachten, sagte Museumsleiter Dr. Thomas Greif bei der Eröffnung der Ausstellung. Die Ausstellung „Feldlazarett und Wanderkino. Die Innere Mission in Bayern zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik“ im Diakoniemuseum Rummelsberg ist ab sofort geöffnet. Fotos: Andrea Wismath