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16. Juli 2021

Studierende entscheiden jeden Tag neu, wie und wo sie lernen

Fachakademie für Sozialpädagogik in Rummelsberg setzt das Konzept des selbstverantwortlichen Lernens um

Rummelsberg – Lisa Gedon kann am besten lernen, wenn sie auf-und-ab-geht und den Lernstoff laut vor sich hin spricht. Also verlässt die 23-Jährige regelmäßig das Schulgebäude und zieht vor der großen Eingangstür ihre Bahnen. Was an einer normalen Schule kaum vorstellbar ist, gehört zum Konzept der Fachakademie für Sozialpädagogik (FakS) in Rummelsberg. Die FakS arbeitet nach dem Prinzip des selbstverantwortlichen Lernens. Die Studierenden entscheiden selbst, wie und wo sie lernen.

Die Lehrkräfte geben ein Thema vor und machen dazu ein Unterrichtsangebot. „Ich gehe am Anfang in den Unterricht, höre mir an, was die Lehrkraft geplant hat und entscheide dann, wo und wie ich das lerne“, sagt Eva Tullius, die an der FakS die Ausbildung zur Erzieherin macht. Sie und ihre Mitstudierenden können jeden Tag und in jedem Unterrichtsfach neu entscheiden, wie sie gerade lernen möchten. Zusammen mit den Dozent*innen, in einer Kleingruppe mit anderen Studierenden oder für sich alleine. Auch räumlich sind sie frei. Überall im Schulgebäude gibt es Plätze, an denen sich die Studierenden zurückziehen können.

Ein zentraler Raum zum Treffen und Austauschen ist der sogenannte „Marktplatz“. An einer großen Tafel können die Studierenden Informationen für Ihre Mitstudierenden hinterlassen, zum Beispiel Hinweise zu Praxisstellen und Erfahrungen, die sie dort gemacht haben. In Regalen ist Platz für Unterrichts- und Lernmaterial. Jede*r Studierende hat zudem ein eigenes Fach, in dem Unterlagen gesammelt und ausgetauscht werden können. Die Möbel im „Marktplatz“ und auch in den anderen Kursräumen können individuell gestellt und der jeweiligen Lernsituation angepasst werden.        

In den Einführungswochen zu Beginn der Ausbildung lernen die Studierenden das Schulgebäude und die Technik kennen. Neben dem realen Schulgebäude in Rummelsberg gibt es virtuelle Räume zum Austausch und zur Organisation von Inhalten und Aufgaben. „Wir schauen uns auch die Lernbiografie der Studierenden an, wie sie bisher gelernt haben“, sagt Corinna Fahnroth, Dozentin und Mitglied im Schulführungsteam. „Am Anfang war es schwierig, wenn man direkt aus der Schule mit einer klassischen Unterrichtsform kommt“, sagt Eva Tullius. „Aber man gewinnt Selbstbewusstsein und merkt, dass es klappt“, ergänzt die 22-Jährige, die sich nun im Abschlussjahr befindet. Das kann auch Tamara Dufour bestätigen: „Es hat mich selbstbewusst gemacht, zu sehen, dass es nicht nur die Musterlösung vom Lehrer gibt, sondern ich auch selbst auf gute Ideen komme.“

Im Unterrichtsfach Praxis- und Methodenlehre wurden den Studierenden beispielsweise vier Bereiche vorgegeben. Zu jedem Bereich konnten die Studierenden selbst eine Forschungsfrage formulieren und diese dann bearbeiten. „Es ist eine ganz andere Motivation, an seiner eigenen Frage zu arbeiten und eine Antwort zu finden“, resümiert Jonathan Dammann. „Ich war schon stolz, meine Antwort in der Prüfung präsentieren zu können“, sagt der 21-Jährige.

Diese Selbstwirksamkeit, die die Studierenden erfahren, war für die Rummelsberger Diakonie mit ein Grund, das Lernkonzept zu ändern. „Wer für sein eigenes Lernen verantwortlich ist, übernimmt auch später im Arbeitsleben mehr Verantwortung“, erklärt Schulleiterin Susanne Stöcker die Idee. Die Studierenden fungieren zudem – wenn alles gut läuft –  später im Beruf als Multiplikatoren. Das Prinzip, sich eine Frage zu stellen und darauf eine Antwort zu suchen, können sie zum Beispiel als Erzieher*in im Kindergarten gut einsetzen. Sowohl in der pädagogischen Arbeit mit den Kindern, als auch bei Konflikten oder Ereignissen, bei denen sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Denn sie haben in der Ausbildung gelernt, sich zu helfen und Lösungen zu finden. Sie wissen, wo sie nachschlagen können.

Das Prinzip des selbstverantwortlichen Lernens wird an allen Beruflichen Schulen der Rummelsberger Diakonie gelebt. Die Fachakademie für Sozialpädagogik in Rummelsberg hat bereits 2019 das Lehr- und Lernkonzept in dieser Form eingeführt, mit Blick auf das neue pädagogische Raumkonzept nach der Generalsanierung des Schulgebäudes. Die Umstellung und Weiterentwicklung ist ein kontinuierlicher Prozess, der von einer Studie für alle Beruflichen Schulen der Rummelsberger Diakonie begleitet wird. Das Wichern-Institut befragt bis 2024 jährlich die Studierenden, um das Konzept wissenschaftlich zu begleiten und auszuwerten.

Über die FakS

Die Fachakademie für Sozialpädagogik (FakS) Rummelsberg ist eine von neun Beruflichen Schulen der Rummelsberger Diakonie. An der FakS lernen aktuell 260 Studierende. Sie machen ihre Ausbildung zum/zur Erzieher/in oder zum/zur Kinderpfleger/in. Weitere Informationen zu den Schulen und zum selbstverantwortlichen Lernen gibt es unter www.rummelsberger-diakonie.de/bildung.

Von: Claudia Kestler

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Jonathan Dammann (von links) und Robin Ziegler lernen gemeinsam im „Marktplatz“. Foto: Claudia Kestler Jonathan Dammann hat es sich in einem Sichtfenster auf dem Flur gemütlich gemacht. Foto: Claudia Kestler Tamara Dufour (von links), Lisa Gedon und Eva Tullius lernen gemeinsam in der Kleingruppe. Foto: Claudia Kestler