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07.05.2020

Wieder erste Kontakte knüpfen

Ab dem 9. Mai wird das Besuchsverbot in Altenhilfeeinrichtungen leicht gelockert – wenn die Einrichtung ein entsprechendes Sicherheitskonzept vorlegen kann.

Rummelsberg – An normalen Tagen gehen im Stephanushaus viele Menschen ein und aus. Kinder sitzen mit den alten Eltern in der Sonne, Enkel und Urenkel kommen zu Kaffee und Kuchen vorbei, Ehepartner schauen am Außengehege den Kaninchen zu. Seit Wochen ist es vorbei mit diesen normalen Tagen. „Viele Bewohnerinnen und Bewohner ziehen sich seit dem Besuchsverbot zurück, bei ihnen schwindet der Lebensmut und der Lebenswille“, berichtet Diakon Werner Schmidt, Leiter des Altenhilfeverbunds Rummelsberg.

Bereits seit Mitte März gilt in ganz Bayern ein Besuchsverbot für die Bewohnerinnen und Bewohner in Altenhilfeeinrichtungen wie dem Stephanushaus. „Kurz vorher erst war ein Mann eingezogen, der bis dahin sehr aktiv war und immer viel Kontakt zu seiner Familie hatte. Die plötzliche Kontaktsperre hat dazu geführt, dass er über Selbstmord gesprochen hat“, erzählt Werner Schmidt von der Anfangszeit des Besuchsverbots. Er spricht von einem sozialen Tod statt eines leiblichen Todes, der durch das Besuchsverbot voranschreitet.

Die Mitarbeitenden in der Einrichtung tun alles, um die Isolation der Seniorinnen und Senioren zu durchbrechen. „Es kam als Nebeneffekt fast zu einer Art digitalen Revolution“, erzählt Schmidt. „Ich bin froh, dass die Bedingungen bei uns in der Einrichtung von Anfang an gut waren. Wir hatten bereits W-LAN in allen Wohnbereichen und für ein Demenz-Projekt hatten wir im vergangenen Jahr schon mehrere Tablets angeschafft.“ Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Fachdienst und die Betreuungskräfte unterstützen beim digitalen Kontakt mit den Angehörigen, helfen dabei, die Fotos der Enkelkinder anzuschauen oder eine Videokonferenz mit dem Ehepartner zu machen.

Zelt macht Kontakte möglich

Doch auch wenn das Erleichterung bringt: Gerade für Menschen mit einer demenziellen Erkrankung ist der direkte Kontakt mit bekannten Menschen unerlässlich. Warum der geliebte Mensch auf dem Bildschirm ist und nicht im gleichen Zimmer, das könnten sie einfach nicht begreifen, so Schmidt. „Wir haben uns darum gefragt, wie wir das unter den bestehenden Auflagen ermöglichen können.“ Rund zwei Wochen habe es gedauert, bis das Konzept genehmigt werden konnte: Auf dem Platz vor dem Stephanushaus steht jetzt ein Zelt, zehn mal vier Meter groß. Dort können sich zwei Menschen jeweils mit einem Angehörigen treffen, der Abstand wird durch Tische gewährleistet. Eine Betreuungskraft steuert die Kontakte, erfasst alle Besucherinnen und Besucher und achtet auf die Einhaltung des nötigen Abstands. Der Besuch findet an der frischen Luft statt, was eine Infektionsgefahr zusätzlich senkt.

„Zwölf Besuche werden so pro Tag möglich gemacht“, fasst Schmidt zusammen. „Wir starten an diesem Wochenende. Denn auch wenn ab Montag eine Kontaktperson pro Bewohner oder Bewohnerin möglich ist, die jeden Tag maximal eine Stunde da sein darf, bleibt die Sehnsucht nach anderen Menschen, wie zum Beispiel den Kindern oder Enkeln.“ Auch die nun erlaubten einstündigen Besuche verlangen nach einem strengen Sicherheitskonzept, um die Infektionskettennachverfolgung zu ermöglichen. Registrierung aller Besuchenden, begrenzte Zeiten und Besuche nur mit Masken sind im Stephanushaus ein Teil davon.

„Ich bin sehr froh, dass wir zusätzlich zu den angekündigten Lockerungen weitere Besuche ermöglichen können. So kann vielleicht auch der Sohn oder die Tochter mal vorbeischauen, die nicht als Hauptkontakt benannt sind oder eine ehemalige Nachbarin.“ Eine Glasscheibe war für ihn keine Option. „Das mutet mir zu sehr wie Gefängnis an.“ Einander sehen, miteinander reden und sich zuwinken: Auch das ersetzt noch nicht die fehlende Nähe und Berührung. „Aber es ist ein erster Schritt. Seniorinnen und Senioren sind nun mal die verletzlichste Gruppe in der Corona-Krise, sie müssen geschützt werden. Die massiven Einschränkungen im Besuchsverbot werden sicher noch lange bestehen bleiben.“

Die Kontaktsperre wirke sich auch auf die Pflegekräfte aus, so Schmidt. „Natürlich wirkt es erst mal wie eine Entlastung im Pflegealltag, dass keine neuen Bewohnerinnen und Bewohner aufgenommen werden und dass keine Besucherinnen und Besucher ein und aus gehen. Aber vor allem ist es eine große Zusatzbelastung.“ Die vielen zusätzlichen Hygienemaßnahmen, wie beispielsweise das dauerhafte Arbeiten mit Mundschutz, ein großer Mehraufwand zu den Mahlzeiten – die meisten Seniorinnen und Senioren essen derzeit in ihren Zimmern statt im Speisesaal – und vor allem natürlich der große Gesprächs- und Kontaktbedarf der Menschen in der Einrichtung. „Ich bin wahnsinnig stolz auf die Mitarbeitenden, dass sie das alles so großartig hinkriegen“, fasst Schmidt zusammen. Die moralische Unterstützung durch die Gesellschaft sei dabei eine große Hilfe. „Aber ich hoffe sehr, dass es nicht bei einer moralischen Unterstützung bleibt, sondern dass die Zukunft Erleichterungen für die Pflegekräfte bringt. Die angekündigte Bonuszahlung und die Verpflegungspauschale sind ein erster Schritt.“

Was er am wichtigsten findet für die Pflege der Zukunft? Er antwortet ohne Zögern: „Ein höherer Personalschlüssel, so dass wir Ausfälle durch Krankheit leichter kompensieren können, ohne Mitarbeitende um ihre freien Tage zu bringen.“ Doch er bleibt skeptisch. „Das wird alles Geld kosten. Wir werden sehen, wie das weitergeht.“ Jetzt ist er erst mal erleichtert, dass sie den Seniorinnen und Senioren zumindest wieder ein wenig die normalen Tage zurückbringen können: Indem sie im Zelt vor dem Haus mit Familienangehörigen oder Freunden den Kaninchen zuschauen können.

Von: Diakonin Arnica Mühlendyck

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Mitarbeiterin Doris Hofer testet mit zwei Bewohnerinnen des Stephanushauses das neue Besuchszelt am Hasengehege. (Foto: Lara März)