„Die Geschichte mahnt uns, wachsam zu bleiben“

27. April 2026

Rummelsberg – Mit einer bewegenden Feierstunde hat die Rummelsberger Diakonie am Freitag, 24. April 2026, die neue Ausstellung „Eiskalt sind die! – Diakonie und Nationalsozialismus in Bayern“ im Diakoniemuseum Rummelsberg eröffnet. Die Schau setzt sich kritisch mit einem der dunkelsten Kapitel der diakonischen Geschichte auseinander: der Verstrickung der Diakonie in das NS-Regime sowie dem Leid von Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung und den wenigen, aber mutigen Stimmen des Widerstands.

Ein Abend der Erinnerung und Mahnung 

Um 16 Uhr trafen die geladenen Gäste zu einer ersten Führung durch die Ausstellung ein. Der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Christian Kopp, die Vorstandsvorsitzende der Diakonie Bayern, Dr. Sabine Weingärtner, Landrat Armin Kroder sowie Diakonin Prof. Ellen Eidt, Diakonin Christine Meyer, Diakon Peter Barbian und Karl Schulz, Vorstandsmitglieder der Rummelsberger Diakonie gehörten zu den ersten Besucher*innen. 

„Zur Zeit der Nationalsozialisten gab es einen Bruch in fast allen gesellschaftlichen Bereichen mit dem, was uns als Christ*innen lieb und teuer ist“, sagt Diakonin Christine Meyer. Die Vorständin mahnt in Ihrer Ansprache: „Von der ‚Hate Speech‘ bis zu den Gaskammern hat es nicht einmal eine Generation gedauert.“ Aus der Geschichte, so Meyer, können wir lernen. Denn die heutige Zeit zeige Parallelen zur Geschichte: „Werte, die unverhandelbar schienen, werden heute wieder in Frage gestellt.“

Ort der Begegnung und Reflexion 

Die Ausstellung, kuratiert von Historiker und Museumsleiter Dr. Thomas Greif, beleuchtet unter anderem die Überführung von Menschen mit Behinderung in die Tötungsanstalt Hartheim. Außerdem holt sie die Opfer der grausamen NS-Ideologie zurück aus der Vergessenheit: Die Namen von etwa 1500 deportierten Menschen aus diakonischen Einrichtungen zieren dank einer Medieninstallation eine ganze Wand.

„Eiskalt sind die!“ – der Spruch, der die Ausstellung prägte und betitelt, ist im Tagebuch von Rektorengattin Marie Nicol zu lesen. Das Original zeigt, wie Marie Nicol nach einem Besuch der Nationalsozialisten 1941 über das Geschehen dachte.

Opfer treten aus dem Schatten

Die Ausstellung im Diakoniemuseum zeigt Zahlen und Strukturen. Sie zeigt Geschichten und Gesichter, resümiert Landesbischof Kopp. Die Wand der Namen hebt er besonders hervor: die Wand der Namen. „Jeder Name steht für ein Leben, das gewaltsam beendet wurde.“ 

Doch Christian Kopp hat auch eine persönliche Verbindung – zu Rummelsberg und der Ausstellung. Kopps Vater war Teil der Rummelsberger Dorfgemeinschaft unter Rektor Karl Nicol. Nicol schickte viele junge Männer aus Rummelsberg nach Nürnberg, wo sie durch ihre Arbeit unentbehrlich wurden und dem Krieg entgingen. 

„Ich stehe für eine Kirche, die Menschen nicht alleine lässt, die Menschen sieht, wenn ihnen Unrecht wiederfährt“, sagt der Landesbischof. Die Ausstellung gebe Entrechteten ihren Namen zurück und hole ihre Geschichten aus der Vergessenheit zurück ans Licht.

Demokratie unter Druck

Auch Bezirkstagspräsident Peter Daniel Forster und Landrat Armin Kroder sprechen als Gäste auf der Eröffnung. Forster sagt: „Gerade zerren erneut düstere Kräfte an unserer Demokratie.“ Deshalb sei es so wichtig zu zeigen, dass sich Menschen auch damals gewehrt haben. Menschen wie Karl Nicol. Auch Kroder sieht die Demokratie unter Druck. „Dinge, die waren, können wieder sein. Wir tragen die hohe Verantwortung, dass so etwas nie wieder passiert.“

Hinschauen, Lernen, Widerspruch leisten

Dr. Thomas Greif betonte in seiner Einführung: „Diese Geschichte ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie zeigt, wie schnell sich Institutionen – auch kirchliche – von Ideologien vereinnahmen lassen, die Menschenwürde relativieren. Die Ausstellung ist kein Vorwurf, sondern eine Einladung: zum Hinschauen, zum Lernen, zum Widerspruch.“

Die Grundlage der Ausstellung bildet ein wissenschaftlicher Begleitband – verfasst von 23 Autor*innen aus Deutschland und den Niederlanden. Unterstützt wurde das Projekt vom Diakonischen Werk Bayern und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern – ein Zeichen dafür, wie dringlich die Auseinandersetzung mit diesem düsteren Kapitel ist.

Dr. Sabine Weingärtner, Vorstandsvorsitzende der Diakonie Bayern, hob die Ambivalenz der damaligen Zeit hervor: „Zwischen Anpassen und Widerstand, zwischen Helfen und wegsehen – leider hat die Diakonie damals nicht klar genug Farbe bekannt.“ Diakonie und Kirche haben damals versagt und müssen sich der Vergangenheit stellen, so die Präsidentin der Diakonie Bayern. „Die Diakonie hat den Anspruch, Nächstenliebe umzusetzen. Sie schaut hin und frag nach, wenn es Menschen nicht gut geht“, so Weingärtner, „auch, wenn der Sozialstaat in Frage gestellt wird.“

Ausstellungstermine und Begleitprogramm 

Die Ausstellung ist bis zum 14. Dezember 2028 im Diakoniemuseum, Rummelsberg 47, 90592 Schwarzenbruck, zu sehen. Jeden Donnerstag und Sonntag ist das Museum von 14 bis 17 Uhr für Besucher*innen geöffnet. Jeden ersten Sonntag im Monat findet um 14:30 Uhr eine offene Führung statt. Führungen für größere Gruppen bietet das Museumsteam auf Anfrage an.

Weitere Informationen: www.diakoniemuseum.de

  • „Eiskalt sind die!“ schrieb Rektorengattin Marie Nicol in ihr Tagebuch. Diese Einordnung wurde zum Titel der Ausstellung zum Thema „Diakonie und Nationalsozialismus“.
    „Eiskalt sind die!“ schrieb Rektorengattin Marie Nicol in ihr Tagebuch. Diese Einordnung wurde zum Titel der Ausstellung zum Thema „Diakonie und Nationalsozialismus“.
    Foto
    Lisa Vogel
  • v.l.n.r.: Landrat Armin Kroder, Diakon Peter Barbian, Diakonin Christine Meyer, Karl Schulz, Diakonin Prof. Ellen Eidt (alle vier Vorstandsmitglieder Rummelsberger Diakonie), Dr. Sabine Weingärtner, Präsidentin der Diakonie Bayern, Historikerin Dr. Ulrike Winkler, Historiker und Kurator Dr. Thomas Greif und Landesbischof Christian Kopp vor der Philippuskirche.
    v.l.n.r.: Landrat Armin Kroder, Diakon Peter Barbian, Diakonin Christine Meyer, Karl Schulz, Diakonin Prof. Ellen Eidt (alle vier Vorstandsmitglieder Rummelsberger Diakonie), Dr. Sabine Weingärtner, Präsidentin der Diakonie Bayern, Historikerin Dr. Ulrike Winkler, Historiker und Kurator Dr. Thomas Greif und Landesbischof Christian Kopp vor der Philippuskirche.
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    Lisa Vogel
  • Landesbioschof Christian Kopp spricht mit Karl Nicol, dem Rummelsberger Rektor während der NS-Zeit. Möglich macht das eine eigens entwickelte KI-Station.
    Landesbioschof Christian Kopp spricht mit Karl Nicol, dem Rummelsberger Rektor während der NS-Zeit. Möglich macht das eine eigens entwickelte KI-Station.
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    Lisa Vogel
  • Das Kreativteam hinter Konzept und Ausstellung, hintere Reihe v.l.n.r.: Dr. Thomas Greif, Axel Mölkner-Kappl, Dr. Gabriele Wiesemann, Jochen Kleinhenz. Vordere Reihe, v.l.n.r.: Nicolas Bleck, Andrea Buchfink, Dr. Ulrike Winkler, Diakonin Martina Fritze, Diakon Willi Haas
    Das Kreativteam hinter Konzept und Ausstellung, hintere Reihe v.l.n.r.: Dr. Thomas Greif, Axel Mölkner-Kappl, Dr. Gabriele Wiesemann, Jochen Kleinhenz. Vordere Reihe, v.l.n.r.: Nicolas Bleck, Andrea Buchfink, Dr. Ulrike Winkler, Diakonin Martina Fritze, Diakon Willi Haas
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    Lisa Vogel
  • Die Wand der Namen
    Die Wand der Namen
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    Lisa Vogel