Lisas Weg durch die Jugendhilfe

09. Februar 2026

Erstmals luden die Jugendhilfe und die Fachakademie für Sozialpädagogik (FAKS) der Rummelsberger Diakonie sowie Jean-François Drozak von der Nürnberger Agentur für Kulturdesign „Kunstdünger“ zu einer szenischen Tagung ein. Im Jugendhilfesaal Rummelsberg erwartete die mehr als 60 Teilnehmer*innen ein ebenso packendes wie nachdenklich stimmendes Theaterstück über Lisas Weg in der Jugendhilfe. Zu der Veranstaltung kamen Leitungen von Jugendhilfeeinrichtungen, Vertreter*innen kommunaler Jugendämter, Fachkräfte aus Polizei, Pädagogik und Sozialarbeit.

Theater als Spiegel der Praxis

Im Mittelpunkt des Stücks stand die fiktive Figur Lisa, die über einen Zeitraum von zehn Jahren von der Kindertagesstätte bis zur betreuten Wohngruppe durch die Jugendhilfe begleitet wird. Studierende der FAKS befragten gemeinsam mit Jean-François Drozak Jugendhilfeexpert*innen, um den Weg der Klientin nachzuvollziehen. Aus diesen Interviews entwickelten sie Szenen und brachten diese schließlich auf die Bühne. Eine Woche lang arbeiteten sie intensiv an dem Auftritt – probten, veränderten und vertieften.

Das Besondere: Es gab zwei Durchgänge. Während der erste ohne Unterbrechungen gezeigt wurde, bot der zweite Raum für Reaktionen und Diskussionen aus dem Publikum. Der Auftrag lautete: zuschauen, reflektieren und verstehen, erst danach Handlungsmöglichkeiten entwickeln.

Reflexion, Diskurs und Fragen an die Jugendhilfe

Das anspruchsvolle und mit viel schauspielerischem Können und Engagement gespielte Theaterstück löste intensive Gespräche aus – über den Alltag in der Jugendhilfe, Grenzsituationen und Herausforderungen, die Kinder, Jugendliche und Fachkräfte erleben. „Jeder Regelbruch hat Konsequenzen“, hieß es in einer Szene, „aber auch Erzieher*innen brechen manchmal Regeln.“ Eine Teilnehmerin brachte die Wirkung des Vormittags treffend auf den Punkt: „Das Theater hat uns ermöglicht, zunächst zu fühlen, bevor wir handeln.“

Zentrale Themen waren juristische Dilemmata, pädagogische Freiheit und eine offene Fehlerkultur. Die Studierenden der FAKS betonten, wie viel Improvisation ihre Arbeit verlangt – und dass ihnen zugetraut werden sollte, diese auch verantwortungsvoll einzusetzen. 

Auch technische Entwicklungen, etwa der Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf Kommunikation zwischen Eltern, Fachkräften und Jugendämtern, wurden kritisch beleuchtet. Ebenso stand die Frage im Raum: Wie kann Jugendhilfe junge Menschen in die Selbstständigkeit führen, ohne sie zu überfordern?

In Gruppen arbeiteten die Teilnehmenden im Laufe der Tagung weiter an zentralen Fragestellungen der Jugendhilfe. Im Mittelpunkt standen dabei Themen wie die Verteilung von Aufgaben innerhalb des Systems, mögliche Lücken oder Spannungsfelder, die Identifikation systemischer Stärken, die Übergänge erleichtern, sowie die Frage, was junge Menschen wie Lisa auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit stärkt. Die Teilnehmenden wurden eingeladen, diese Aspekte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten – fachlich, institutionell, aber auch emotional. 

Projekte und Perspektiven

Zum Abschluss wurden reale Initiativen vorgestellt – etwa das Rummelsberger Projekt „Powerbank“ in Nürnberg, das ehemaligen Jugendhilfeklient*innen fünf Jahre lang eine Anlaufstelle für Vernetzung und Unterstützung bietet.

Regionalleiter Thomas Bärthlein berichtete zudem über seine Arbeit mit früheren Heimkindern. Viele von ihnen, sagt er, trügen noch im Alter das Gefühl, „schuld“ an ihrer Heimunterbringung gewesen zu sein. „Kindern und Jugendlichen klarzumachen, dass sie für ihre Situation keine Rechenschaft ablegen müssen – das ist eine unserer wichtigen Aufgaben“, betonte Bärthlein.

Die Kombination der Tagung von Kunst, Fachwissen und Reflexion zeigte den Teilnehmer*innen, dass Jugendhilfe in all ihren Facetten ein gemeinsamer Lern- und Entwicklungsraum für Kinder, Jugendliche und Fachkräfte ist. Ein weiteres Ergebnis: die Idee einer Wiederholung mit weiteren Zielgruppen. Die Vorschläge gehen bis zu einer Tournee. Insbesondere die Vertreter*innen der Jugendämter wünschten sich, dass Kolleg*innen der Behörden und der Jugendhilfen das Stück gemeinsam sehen und diskutieren können.

  • Zwei Schauspielerinnen reden miteinander
    Zwei Schauspielerinnen reden miteinander
    Titel
    Szene aus Lisas Weg
    Foto
    Georg Borngässer
  • Publikum und SchauspielerInnen sprechen über das Stück
    Publikum und SchauspielerInnen sprechen über das Stück
    Titel
    Reflexion des Stückes mit dem Publikum im zweiten Durchlauf.
    Foto
    Georg Borngässer