(M)ein Blick in die Glaskugel

16. Juli 2026

Diakonin Christine Meyer: 

„Die Zukunft macht mir manchmal Sorgen – doch ich glaube fest daran, dass wir sie positiv gestalten können. Als Diakonin stehe ich für Menschen ein, die Hilfe brauchen, ohne sie zu bewerten. Doch die Zeichen mehren sich: Christliche Werte werden ausgegrenzt, politische Angriffe auf unsere Arbeit nehmen zu. Die AfD fordert die Abschaffung der Kirchensteuer, diffamiert uns als ‚linksgrün versifft‘. Plötzlich wird wieder gefragt: Wer verdient Hilfe? Das erinnert an dunkle Zeiten. 

Meine Antwort: Wir müssen standhaft bleiben – vielleicht sogar radikaler in unserer Haltung. Vielleicht sind wir genau das, was manche verachten: ein Zeichen für Nächstenliebe ohne Grenzen. Denn Schweigen ist keine Option. Wir müssen heute Werte vermitteln, in Schulen, bei Mitarbeitenden, in der Gesellschaft. Die Diakonie darf nicht schweigen- im Diakoniemuseum sehen wir, was passiert, wenn Diakonie und Kirche nicht für ihre Werte einstehen. Die Diakonie muss kämpfen – für die, die sonst niemand sieht.“

Dr. Tobias Gaydoul: 

„Die Realität ist klar: Wir werden nie wieder so viel Geld haben wie heute. Doch als Vorstand sehe ich zwei zentrale Fragen: Wo finden wir neue Einnahmequellen? Und: Wie richten wir das Unternehmen so aus, dass wir trotz knapper Mittel unseren Auftrag erfüllen? 

Die Antworten liegen in unserer Strategie: Der Bereich der Großspenden und Stiftungsgelder entwickelt sich sehr positiv. Durch kluge Verträge vor der Energiekrise und unsere Rücklagen sichern wir uns künftigen Handlungsspielraum. Doch das reicht nicht. Wir müssen unser Leistungsangebot ehrlich prüfen, unsere Kostenstrukturen optimieren und klare Prioritäten setzen. Die Diakonie der Zukunft lebt von Innovation – nicht von Nostalgie. Jetzt geht es darum, das zarte Pflänzchen der neuen Finanzquellen, das wir in den vergangenen Jahren gesät haben, zum Wachsen zu bringen.“

Diakon Peter Barbian: 

„Wasser ist mein Bild für Transformation: Es wechselt seine Form, bleibt aber in seiner Summe immer gleich – seit Milliarden Jahren. So wie das Wasser in uns einst eine Schneeflocke im Himalaya oder ein Tropfen auf einer Blüte war. Diese Verbundenheit erinnert mich: Diakonie ist kein starres System, sondern ein Kreislauf des Lebens. Die Zukunft? Ungewiss. Doch eines ist sicher: Menschen werden immer Hilfe brauchen. Die Herausforderung liegt nicht in der Professionalität, sondern in tragfähigen Beziehungen. 

Basisdiakonie bedeutet für mich: Räume schaffen, in denen Zugehörigkeit wächst – jenseits von Schubladen. Wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, in Gemeinden, in Stadtvierteln, in Quartieren. Das ist kein Ehrenamt, sondern gelebte Spiritualität: ein offener Glaube, der trägt, wenn nichts mehr trägt. Wir müssen diese Orte aktiv ermöglichen – für die Grenzgänger, die unsere klassischen Hilfesysteme nicht erreichen. Denn Diakonie beginnt dort, wo Menschen füreinander da sind.“

Karl Schulz: 

„Ein paar Gedanken anlässlich der Fußball-WM: Argentinien verwehrt 13.000 Fans die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in den USA, weil sie ihren Kindesunterhalt nicht zahlen. Ein deutliches Signal an die Zahlungsverweigerer, denn die Mittel werden knapper. 

Diese Realität trifft uns auch in Deutschland. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Als Diakonie müssen wir in Zukunft klüger arbeiten: mit weniger Geld, weniger Personal, aber für mehr Menschen. Qualität heißt nicht Perfektion, sondern das Richtige richtig gut machen. Bürokratie hinterfragen, Schwerpunkte setzen, Technologie nutzen. Die bittere Wahrheit: Wenn wir weitermachen wie bisher, scheitern wir – nicht wegen schlechter Arbeit, sondern wegen veränderter Rahmenbedingungen. Doch wir haben etwas, was andere nicht haben: Werte.

Diakonie war immer stark, wenn sie Wandel mitgestaltet hat. Jetzt ist die Zeit, mutig zu sein. Nicht härter arbeiten – sondern anders. Denn wenn jetzt nicht die Zeit für Veränderung ist, wann dann?“

Prof. Diakonin Ellen Eidt: 

„Vertrauen ist mein Zukunftsthema. In einer Welt, in der alles in Bewegung ist, fragen sich Menschen: Worauf kann ich mich noch verlassen? Die AfD-Wähler*innen suchen Antworten – weil sie das Gefühl haben, niemand sage mehr die Wahrheit. Doch genau hier liegt unsere Chance: Glaubwürdigkeit. Sie entsteht durch Werte, die gelebt werden. Durch stabile Beziehungen, die Sinn stiften. 

Spiritualität ist dabei kein Luxus, sondern Grundlage – nicht im engen kirchlichen Sinn, sondern als offene Verbindung: zu sich selbst, zu anderen, zu etwas Größerem. Die zweite und dritte Führungsebene spielt dabei eine Schlüsselrolle. Sie stehen an der Schnittstelle zwischen Basis und Leitung. Sie müssen Übersetzungsarbeit leisten – nach oben, nach unten, nach außen, nach innen. Denn Transformation gelingt nur gemeinsam. 

Mein Wunsch: Dass wir in stürmischen Zeiten vertrauensvolle Beziehungen gestalten – und daraus Wert schöpfen. Denn am Ende zählt nicht, was wir tun, sondern wie wir es tun.“

Der Vorstand der Rummelsberger Diakonie
Der Vorstand der Rummelsberger Diakonie
Foto
Lisa Vogel