Wenn Teilhabe wirklich Teilhabe ist

27. März 2026

Hersbruck - Es ist später Abend am Campus Haus Weiher in Hersbruck. Während andere Bewohner*innen den Feierabend genießen, sitzt Markus Meier (Name v.d.R. geändert) mit seinem Casemanager, seiner gesetzlichen Betreuerin und zwei Mitarbeitenden des Fachbereichs Autismus der Rummelsberger Diakonie zusammen. Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Tablet, das er für die Unterstützte Kommunikation (UK) nutzt. Auf der Oberfläche zu sehen sind Fotos, Symbole, Musik und Orte. So beginnt für den 38-Jährigen sein Teilhabegespräch – zu einer Uhrzeit, die für ihn passt und in einer Form, die es ihm ermöglicht, wirklich zu äußern, was er denkt und möchte. 

Teilhabegespräche sind ein zentrales Instrument der Eingliederungshilfe. Sie sollen Menschen mit Behinderung darin unterstützen, ihre Wünsche, Ziele und Bedürfnisse zu formulieren – und gemeinsam mit Fachkräften zu planen, wie sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Kommunikation braucht Zeit

Doch was so einfach klingt, ist in der Praxis oft eine Herausforderung. Die Menschen im Autismus-Spektrum, die im Wohnangebot in Hersbruck wohnen, können sich in der Regel nicht lautsprachlich äußern. Um mit ihnen zu kommunizieren, braucht es Zeit, Kreativität und ein passendes Setting. „Ein klassisches Gespräch am Tisch, zur festen Uhrzeit, mit vielen Fragen – das funktioniert für viele unserer Klient*innen einfach nicht“, weiß Ralph Eichenseher, Leitung Fachbereich Autismus. „Wenn wir wirklich Beteiligung wollen, müssen wir die Rahmenbedingungen so gestalten, dass sie zur Person passen – nicht umgekehrt.“

Dass das geht, zeigt das Beispiel von Markus Meier. Bereits bei der ersten Begegnung mit dem Casemanagement teilte er mit: „Ich möchte lieber am Abend sprechen.“ Diese Entscheidung traf er selbst – und zeigte sie auf seinem Tablet. Daraufhin planten Casemanager und Fachdienst das Gespräch, zwei Vorbereitungstermine folgten. Gemeinsam mit Müller sortierten sie Themen, druckten Bilder und Piktogramme aus. „Für uns war klar: Wir müssen die Themen so visualisieren, dass Markus Meier sie wiedererkennt und mit dem iPad antworten kann“, erklärt Fachdienst Christoph Karwath-Päge. 

So entstand eine Mappe mit Symbolen zu den wichtigsten Lebensbereichen wie etwa Freizeit, Arbeit, Urlaub und Alltag im Wohnen. Im Teilhabegespräch konnte Meier jedes Thema in drei Kategorien einordnen – mag ich, egal, mag ich gar nicht. Besonders wichtig war ihm das Thema Urlaub. Auf den Bildern zeigte der Klient Meer, See und Stadt. Auch über Musik, Malen und Spielen im Wohnbereich sprach er – Aktivitäten, die ihm Struktur und Freude geben. Er wünschte sich außerdem, dass er künftig besser informiert wird, wenn Mitarbeiter*innen etwa durch Krankheit spontan nicht im Haus sind. 

„Uns stehen nicht genügend Stunden zur Verfügung“

Die individuelle Vorbereitung zahlt sich aus – sie ermöglicht echte Beteiligung. Doch sie kostet auch Zeit, die im Alltag oft fehlt. „Wenn ich jedes Teilhabegespräch so intensiv vorbereite, schaffe ich das nicht für alle Bewohner*innen“, sagt Heilpädagoge Karwath-Päge.

Ralph Eichenseher sieht hier ein strukturelles Problem: „Im Fachdienst stehen uns nicht genügend Stunden zur Verfügung, um die Teilhabegespräche für alle Bewohner*innen so individuell zu gestalten. Dabei wäre genau das der Anspruch – dass jede*r sich äußern kann, egal auf welchem Weg.“ Für Eichenseher ist klar, dass Teilhabe zuhören bedeute, auch wenn es länger dauere. Seine Forderung: „Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die das ermöglichen. Das sind etwa mehr gegenfinanzierte Fachdienststunden.“

Mit viel Vorbereitung hat Markus Meier im Teilhabegespräch seine Wünsche mit Mitteln der Unterstützten Kommunikation geäußert.
Mit viel Vorbereitung hat Markus Meier im Teilhabegespräch seine Wünsche mit Mitteln der Unterstützten Kommunikation geäußert.
Foto
Marina Lang